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Es
kamen die Menschen und sahen einen leeren Raum, und der Raum war nicht
leer.
Was ist
Besonderes am Boden
Natürlich sind Bodenarbeiten nichts ungewöhnliches in der Gegenwartskunst,
bei der arte povera, bei Long oder bei den Minimalisten (André,
Serra).Die Entscheidung für den Boden als Aktionsfeld der Kunst
ist zu beachten: Üblich als Präsentationsort ist die Wand, die dem
Betrachter in einer bestimmten Distanz als definites Gegenüber erscheint
und als Fläche parallel zum Betrachter ruhig verharrt. Die Wand
bleibt ein freies Feld ohne körperliches Agieren. Wenn wir Bilder
aufgereiht an Wänden betrachten, schleicht der Körper unmerklich
den Augen hinterher, ohne einen Raum zu beanspruchen, der dem Bild
allein gehört. Ganz anders der Boden, er entzieht sich der konstanten,
flächenparallelen Wahrnehmung, verkürzt sich und weitet sich mit
den perspektivischen Mustern unseres Organismus. Der Körper betritt
den Boden und steht nun in einer Ebene mit den Werken am Boden.
Die Augen blicken nach vorne unten. Räumliche Figuren am Boden erlauben
ein Herangehen und Herumgehen, so daß sich jene Figur verschiebt,
dreht, und anders akzentuiert, die Augen folgen der Bewegung des
Körpers. Mit dem Boden verbinden wir das definitive Ende eines Raums
unter unseren Füßen, und Begriffe wie "bodenlos" deuten die Gefahr
an, wenn wir "Bodenhaftung " verlieren.
Was ist
geschehen?
(in der Ausstellungshalle)
"Für einen Wanderer", sagt Johannes Fox, heißt diese Arbeit. Wandern
ist eine phantastische Gelegenheit, sich in Formen leichter Selbstvergessenheit
fortzubewegen. Und die Wahrnehmung verändert sich. Johannes Fox
hat diesen Raum "erwandert". Er hat ihn zuerst gefegt und ist dann
mit einer Kehrmaschine eine Stunde lang hin- und hergefahren, mit
dem Blick auf den Boden, er hat die Grundierung seiner Arbeit durch
Leerfegen erzeugt. Während er bisher, wie er sagt, eher "cleane"
Böden bearbeitet hat, liegen hier die Gipsteile auf einem großen,
abgewetzten , vom Gebrauch modellierten Grund. Das Wandern wird
nach dieser Ausstellungseröffnung eine adäquate Bewegungs- und Wahrnehmungsform
des Besuchers sein.
Was ist
zu sehen?
Auf dem verbrauchten dunklen Boden ist etwas ausgebreitet, hingelegt,
sorgsam angeordnet, vom größten Stück bis zum kleinsten Teilchen.
Es leuchten kleine Gipselemente, die mit einfachen Regeln einer
immanenten Struktur folgen, die fragmentiert, leicht verschoben
und verwoben wird. Auf den chaotischen Flecken des Bodens werden
die Teile gereiht, gestreut, ja gesät, so daß jener zu einer Art
Nährboden für die leuchtenden visuellen Ereignisse wird. Was hält
den Betrachter in Spannung, wie ist es möglich, daß einige kleine
Gipsteilchen, die auf dem Boden liegen, den ganzen Raum verändern,
nicht nur den Boden, auch den Luftraum über den Teilchen aktivieren?
(Denn der Boden ist ja selbst eine hervorragende arte povera). Der
Boden ist aber nicht genug!
Was ist
hier Poesie?
(Ausstrahlung)
Es ist der gefundene Maßstab, von der größten bis zur kleinsten
Einheit. · Die Kleinheit der Partikel sensibilisiert uns in dem
groben, leeren Raum. · Die Fülle und wechselnde Dichte der Teile
hält sie zusammen und läßt sie nicht in der Leere untergehen. Das
ist genau kalkuliert. · Ihre weiße Farbe ist ein Zeichen von Strahlung
und Leichtigkeit in dem trüben Grau. · Und schließlich bestimmt
ein Rhythmus die in den Bodenraum hinein offenen Gesamtfiguren der
gestreuten Gruppen, die miteinander zu korrespondieren scheinen
wie kleine Kolonien.
Es sind
doch nur ein paar Krümel!
(Poetische Partitur)
Das ist wahr, diese sparsamen, eindringlichen Mittel reichen aus,
den Boden zu verfeinern, und eine poetische Partitur auf dem Boden
aufscheinen und wieder verschwinden zu lassen. Menschenwerk, unbezweifelbar,
diese Krümel. Johannes Fox hat das eine, das Fremde der Partikel,
mit dem anderen, dem Ort verbunden. Die Minimalisierung ist eine
ökologische Weisheit, den Raum zu erkennen, zu respektieren und
ohne Verschwendung zu arbeiten: bescheiden und voller Vertrauen
in den Wert des einfachen, fragilen Materials, in die bis ins Detail
präzise Gestaltung, und voller Vertrauen in die Poesie. Der große
leere Raum ist nicht leer, er wurde verwandelt durch sensible Gesten,
die von einer inneren Empfindung für stilles, leicht vibrierendes
Leben sprechen, am Boden und leicht darüber.
Prof. Dr. Till
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