Begrüßungsrede von Prof. Till Neu
zur Ausstellung in der Ausstellungshalle
der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main
26. April - 19. Mai 2000


  Es kamen die Menschen und sahen einen leeren Raum, und der Raum war nicht leer.

Was ist Besonderes am Boden
Natürlich sind Bodenarbeiten nichts ungewöhnliches in der Gegenwartskunst, bei der arte povera, bei Long oder bei den Minimalisten (André, Serra).Die Entscheidung für den Boden als Aktionsfeld der Kunst ist zu beachten: Üblich als Präsentationsort ist die Wand, die dem Betrachter in einer bestimmten Distanz als definites Gegenüber erscheint und als Fläche parallel zum Betrachter ruhig verharrt. Die Wand bleibt ein freies Feld ohne körperliches Agieren. Wenn wir Bilder aufgereiht an Wänden betrachten, schleicht der Körper unmerklich den Augen hinterher, ohne einen Raum zu beanspruchen, der dem Bild allein gehört. Ganz anders der Boden, er entzieht sich der konstanten, flächenparallelen Wahrnehmung, verkürzt sich und weitet sich mit den perspektivischen Mustern unseres Organismus. Der Körper betritt den Boden und steht nun in einer Ebene mit den Werken am Boden. Die Augen blicken nach vorne unten. Räumliche Figuren am Boden erlauben ein Herangehen und Herumgehen, so daß sich jene Figur verschiebt, dreht, und anders akzentuiert, die Augen folgen der Bewegung des Körpers. Mit dem Boden verbinden wir das definitive Ende eines Raums unter unseren Füßen, und Begriffe wie "bodenlos" deuten die Gefahr an, wenn wir "Bodenhaftung " verlieren.

Was ist geschehen?
(in der Ausstellungshalle)
"Für einen Wanderer", sagt Johannes Fox, heißt diese Arbeit. Wandern ist eine phantastische Gelegenheit, sich in Formen leichter Selbstvergessenheit fortzubewegen. Und die Wahrnehmung verändert sich. Johannes Fox hat diesen Raum "erwandert". Er hat ihn zuerst gefegt und ist dann mit einer Kehrmaschine eine Stunde lang hin- und hergefahren, mit dem Blick auf den Boden, er hat die Grundierung seiner Arbeit durch Leerfegen erzeugt. Während er bisher, wie er sagt, eher "cleane" Böden bearbeitet hat, liegen hier die Gipsteile auf einem großen, abgewetzten , vom Gebrauch modellierten Grund. Das Wandern wird nach dieser Ausstellungseröffnung eine adäquate Bewegungs- und Wahrnehmungsform des Besuchers sein.

Was ist zu sehen?
Auf dem verbrauchten dunklen Boden ist etwas ausgebreitet, hingelegt, sorgsam angeordnet, vom größten Stück bis zum kleinsten Teilchen. Es leuchten kleine Gipselemente, die mit einfachen Regeln einer immanenten Struktur folgen, die fragmentiert, leicht verschoben und verwoben wird. Auf den chaotischen Flecken des Bodens werden die Teile gereiht, gestreut, ja gesät, so daß jener zu einer Art Nährboden für die leuchtenden visuellen Ereignisse wird. Was hält den Betrachter in Spannung, wie ist es möglich, daß einige kleine Gipsteilchen, die auf dem Boden liegen, den ganzen Raum verändern, nicht nur den Boden, auch den Luftraum über den Teilchen aktivieren? (Denn der Boden ist ja selbst eine hervorragende arte povera). Der Boden ist aber nicht genug!

Was ist hier Poesie?
(Ausstrahlung)
Es ist der gefundene Maßstab, von der größten bis zur kleinsten Einheit. · Die Kleinheit der Partikel sensibilisiert uns in dem groben, leeren Raum. · Die Fülle und wechselnde Dichte der Teile hält sie zusammen und läßt sie nicht in der Leere untergehen. Das ist genau kalkuliert. · Ihre weiße Farbe ist ein Zeichen von Strahlung und Leichtigkeit in dem trüben Grau. · Und schließlich bestimmt ein Rhythmus die in den Bodenraum hinein offenen Gesamtfiguren der gestreuten Gruppen, die miteinander zu korrespondieren scheinen wie kleine Kolonien.

Es sind doch nur ein paar Krümel!
(Poetische Partitur)
Das ist wahr, diese sparsamen, eindringlichen Mittel reichen aus, den Boden zu verfeinern, und eine poetische Partitur auf dem Boden aufscheinen und wieder verschwinden zu lassen. Menschenwerk, unbezweifelbar, diese Krümel. Johannes Fox hat das eine, das Fremde der Partikel, mit dem anderen, dem Ort verbunden. Die Minimalisierung ist eine ökologische Weisheit, den Raum zu erkennen, zu respektieren und ohne Verschwendung zu arbeiten: bescheiden und voller Vertrauen in den Wert des einfachen, fragilen Materials, in die bis ins Detail präzise Gestaltung, und voller Vertrauen in die Poesie. Der große leere Raum ist nicht leer, er wurde verwandelt durch sensible Gesten, die von einer inneren Empfindung für stilles, leicht vibrierendes Leben sprechen, am Boden und leicht darüber.

Prof. Dr. Till Neu